Kapitel 1 · Der Käse
Aus dem Off, ruhig, freundlich und mit jener angenehmen Wärme, die öffentlich-rechtliche Dokumentationen gewöhnlich für Steinadler, Almrosen und Menschen verwenden, die seit vierzig Jahren Holzlöffel schnitzen:
„Hinterfotzing liegt auf 1.137 Metern Seehöhe in einem abgelegenen Seitental der österreichischen Alpen. Die Gemeinde zählt 312 Einwohner, 487 Rinder, zwei Bushaltestellen und einen Defibrillator, von dem niemand genau weiß, wo er hängt. Bekannt ist Hinterfotzing vor allem für seine unberührte Natur, seine Gastfreundschaft und einen Käse, dessen Geruch bereits mehrfach zu einem Fehlalarm der Freiwilligen Feuerwehr geführt hat.“
Der Käse hieß Hinterfotzinger Bergkas.
Das war kein besonders fantasievoller Name. Aber in Hinterfotzing hielt man Fantasie ohnehin für etwas, das Menschen brauchten, die keine Kühe hatten. Der Bergkas war rund, schwer und von einer gelblich-braunen Rinde umgeben, die aussah, als hätte sie eine längere Haftstrafe hinter sich.
Zenzi vertraute niemandem, der ihren Käse berührte. Nicht ihrem Bruder, nicht dem Bürgermeister und seit 2014 auch nicht mehr dem Pfarrer, nachdem der bei der Erntedankmesse einen Laib mit beiden Händen angefasst und gesagt hatte: „Mei, der is aber ordentlich feucht.“ Zenzi hatte daraufhin vier Jahre lang nicht mehr gebeichtet. Auf Nachfrage erklärte sie, sie habe nichts zu bereuen.
An diesem Dienstagmorgen betrachtete sie achtundvierzig Laibe mit der stillen Zuneigung einer Mutter, die insgeheim wusste, welches ihrer Kinder das beste war. Nummer siebenundzwanzig hatte Charakter. Nummer achtzehn hingegen bereitete ihr Sorgen.
„Du schwitzt“, sagte Zenzi.
Der Käse antwortete nicht.
„I sehs genau.“
Keine Reaktion.
„Des fang ma gar net erst an.“
Die Lebensmittelaufsicht
Vor der Alm parkte ein weißer Škoda. Auf der Tür stand LEBENSMITTELAUFSICHT. Daneben ein Wappen.
Aus dem Wagen stieg ein Mann um die vierzig mit Aktentasche, sauberem Mantel und Schuhen, die zu sauber waren, um auf einer Alm etwas Gutes zu bedeuten. Ein Mann mit solchen Schuhen hatte entweder die Orientierung verloren oder berufliche Absichten.
Beides war schlecht.
„Frau Moierl?“
„Kommt drauf an.“
Der Mann hielt ihr einen Ausweis hin. „Diplom-Ingenieur Magister Peter Wurzinger. Lebensmittelaufsicht.“
Zenzi sah auf den Ausweis. Dann auf ihn. Dann wieder auf den Ausweis.
„Zwei Titel.“
„Bitte?“
„Sie ham zwei Titel.“
„Ja.“
„Wieso?“
„Wie bitte?“
„Ob einer net gereicht hat.“
Wurzinger senkte langsam den Ausweis. „Ich bin hier wegen Ihrer Käseproduktion.“
„Na.“
„Doch.“
„Na.“
„Frau Moierl, ich muss die Produktionsstätte kontrollieren.“
„Die steht heut net zur Verfügung.“
Wurzinger sah zur offenen Kellertür. Dahinter standen achtundvierzig Käse.
„Warum?“
Zenzi überlegte. „Ruhetag.“
„Für den Käse?“
„A Kas braucht auch amal seine Ruh.“
Das Missverständnis
„Und was passiert, wenn i nix ändere?“
„Im schlimmsten Fall könnte ein Inverkehrbringen vorübergehend untersagt werden.“
Stillstand.
Sogar Resi hörte auf zu kauen.
„Was?“
„Theoretisch.“
„Was ham S’ grad gesagt?“
„Dass unter bestimmten Voraussetzungen—“
„MEIN KAS WIRD VERBOTEN?“
„Nein!“
Resi begann wieder zu kauen.
„Sie hams grad gesagt.“
„Ich habe gesagt, theoretisch könnte—“
„A Verbot.“
„Nein.“
„Vorübergehend.“
„Unter Umständen.“
„EU.“
„Das habe ich so nicht gesagt.“
Zenzi hielt ihm das gefaltete Blatt entgegen. „Stehts da drin?“
„Nicht in dieser Form.“
„Dann stehts also drin.“
Wurzinger schloss für einen kurzen Moment die Augen. Irgendwo tief in seinem Inneren starb ein kleiner Teil des öffentlichen Dienstes.
Bevor er ging, rief er: „Bitte erzählen Sie niemandem, die EU hätte Ihren Käse verboten!“
Zenzi wartete, bis sein Wagen hinter der Kurve verschwunden war. Dann holte sie ihr Telefon heraus.
„Traudl? Die EU verbietet meinen Kas.“